Leseprobe aus "Die wunderbare Welt der Elfen und Feen":
Vorwort:
Vor vielen Jahrhunderten, als die Kirchenglocken in Europa den Sieg des Christentums über die Heiden verkündeten, verschwanden die Elfen, Feen, Kobolde, Zwerge, Trolle, Nixen, Natur- und Elementargeister und wie sie noch alle genannt werden aus unserer Welt. Sie zogen fort, weil sie den Glockenklang nicht ertragen konnten. Zahlreiche Legenden erzählen von Fährmännern, die Scharen der Kleinen Leute übersetzten, wie etwa die Wichtel aus dem thüringischen Spatenberg am Ufer der Werra. Zwergenfamilien baten um Mitfahrgelegenheiten bei Fuhrleuten, weil sie wegziehen müßten – sie könnten das ‚Ding-Dong’ nicht mehr länger ertragen. In Schlesien waren einst alle fortgezogen bis auf ein einziges Zwergenpaar, das sich von der Heimat nicht trennen mochte. Eines Abends sah man das Männlein laut jammernd davonlaufen. Einem befreundeten Bauern erzählte er noch, seine Frau sei tot - das Geläute hätte ihr den Kopf zerrissen. In Wales verließen die Elfen anläßlich der Krönung von Heinrich II geschlossen und auf immer das Land. Das Dauerläuten zu Ehren dieser Festlichkeit war ihnen endgültig zuviel.
Die Elfen sind also angeblich alle
verschwunden. Aber wo sind sie hingezogen? Und sind alle wirklich mitgegangen?
Vielleicht hat ja auch den einen oder anderen das Heimweh wieder zurückgetrieben.
Womöglich haben sie sich an den Klang der Glocken längst gewöhnt und leben
jetzt wieder mitten unter uns – und lachen sich ins Fäustchen, weil niemand
auch nur vermutet, daß sie wieder da sind. Folglich macht sie jetzt keiner mehr
für irgendetwas verantwortlich, und sie können in aller Ruhe ihre Streiche
aushecken. Wenn Kugelschreiber verschwinden und ganz woanders wieder auftauchen,
würde da irgendwer an einen Brownie denken? Oder wenn man ganz bestimmt ein
ganzes Paar Socken in die Waschmaschine gab, aber nach der Wäsche nur noch
einer wieder auftaucht – dann ist das zwar mysteriös, aber doch sicher nicht
der Streich eines übermütigen Hobgoblins.
Und sicherlich ist für die Lawinen in den Bergen kein unwilliger Naturgeist
mehr verantwortlich, oder etwa doch?
Christentum hin oder her, viele der
alten Traditionen und Gebräuche im Zusammenhang mit der Anderwelt leben bis
heute fort, man kann ja nie wissen. Und manche von ihnen waren sogar so stark,
daß sie in die christlichen Bräuche mit aufgenommen wurden. Man denke nur an
Ostereier, Mistelzweige und Pfingstochsen.
Das Wissen über die einzelnen Gattungen und Arten der Unirdischen ging
allerdings nach und nach verloren. Wer weiß denn heute noch den Unterschied
zwischen einem Erdmännchen und einem Zwerg? Und nennt man sie jetzt allgemein
Elfen, Feen oder Naturgeister? Sind sie alle böse und hinterhältig und dazu
klein und häßlich?
Solche Fragen sind eigentlich nur mit
einem entschiedenen „Kommt drauf an!“ zu beantworten. Es gibt von Grund auf
grausame und gewalttätige Elfen, aber die sind die Ausnahme. Die meisten sind
wie die Natur in der sie leben, mal segensreich, mal Unglück bringend. Begriffe
wie Moral, Mitleid, Gnade sind den meisten von ihnen völlig unverständlich,
ja, sogar fremd. Dazu kommt, daß sie alle einen wankelmütigen, unsteten
Charakter haben und lebhaft, melancholisch, schnell beleidigt und also rachsüchtig,
freundlich, gehässig, fröhlich und todunglücklich sein können - manchmal
sogar alles gleichzeitig. Der Umgang mit ihnen birgt also immer auch Gefahr in
sich. Auf eines aber kann man sich bei ihnen immer verlassen: Sie haben einen
ausgeprägten Ehrenkodex. Was sie versprechen, halten sie auch, koste es, was es
wolle. Umgekehrt erwarten sie das genauso uneingeschränkt von anderen – auch
von uns Menschen. Nichts lassen sie als Entschuldigung gelten, wenn ein
Versprechen mal nicht eingehalten wurde und einen Wortbruch werden sie einem
niemals verzeihen. Vorsicht ist ebenfalls geboten, wenn man von ihnen spricht,
denn der Wind trägt ihnen fast jedes Gespräch zu. Und sie kennen keinen Spaß,
wenn sie glauben, man spräche schlecht von ihnen. Vielerorts werden sie deshalb
– tabumäßig – umschrieben mit Bezeichnungen wie das ‚Stille Volk’
- für Zwergensippen, die besonders laut in Bergwerken hämmern. Elfen, die
gerne Milch stehlen und sich auch sonst gern bei den Menschen bedienen – sei
es Brot oder Handwerkszeug – heißen die ‚Guten Nachbarn’, die
Wilde Jagd ist das ‚Friedliche Volk’ usw.
Wenn sie jemandem erscheinen – denn in der Regel sind sie ja unsichtbar - sind
sie riesengroß oder winzig klein, von überirdischer Schönheit oder garstig
und bucklig. Sie können als Vogel erscheinen, als Katze, als Pferd oder als Kröte.
Gerade ihre Verwandlungskünste machen es schwer, sie voneinander zu
unterscheiden. Und das macht den Umgang mit ihnen nicht gerade einfacher.
In diesem Buch wird versucht, die wichtigsten Arten und Gattungen dieser Wesen vorzustellen. Um dem Wirrwarr der Begriffe Elfen, Feen, Über-, Unter-, Außerirdische etc. zu entgehen, verwende ich als Oberbegriff die Bezeichnung ‚Elfen’. Das tat ja auch schon Ludwig Tiecks in seiner gleichnamigen Erzählung. Erst später unterschied er sie dann, in Wasser-, Baum-, Feuerelfen etc. Gelegentlich nenne ich sie auch einfach Geister, wobei ich sie dabei nicht mit Gespenstern oder Spukgestalten gleichsetze. Die Welt, aus der sie kommen und in die ab und zu auch Menschen geraten, ist die Anderwelt und nicht, wie es leider inzwischen allgemein gebräuchlich ist, die Anderswelt. Letzteres ist eine meiner Meinung nach fehlerhafte Lehn-Übersetzung des englischen Begriffs ‚Otherworld’, der eine andere Welt als die unsere, eine neben unserer Realität liegende, bezeichnet. Ginge es darum, daß diese Welt anders ist als die unsere, würde es wohl eher ‚Different World’ heißen.
Ganz sicher ist meine Aufzählung nicht vollständig. Die Bewohner der Anderwelt sind so zahlreich und vielfältig, es konnte gar nicht ausbleiben, daß ich einige nicht erwähnte. Auch wird hin und wider dieselbe Elfe völlig unterschiedlich dargestellt. In solchen Fällen, bevorzugte ich die häufigere – und meist auch wahrscheinlichere Version. Ich bitte also jede Elfe, die sich vergeblich in diesem Buch sucht oder völlig falsch beschrieben fühlt, schon jetzt um Verzeihung. Dieses Buch wurde schließlich nur von einem Menschen geschrieben, was kann man da schon anderes erwarten, als etwas unvollkommenes.
Um die auch so noch verwirrende Vielfalt in eine gewisse Ordnung zu bringen, unterscheide ich die Elfen nach ihren Lebensräumen, denn verschiedene Umgebungen bringen unterschiedliche Wesen hervor. Das ist auch bei den Geistern so. Warum sollte es bei Ihnen auch anders sein, als bei Pflanze und Tier, sind sie doch u.a. Personifikationen der Natur selbst. Natürlich ist mir bewußt, daß diese Einteilung grob und schematisch und ganz sicher nicht ‚wasserdicht’ ist, gibt es doch durchaus auch Elfen, die überall leben, ob in den Bergen, oder am Wasser. Trotz allem erschien mir diese Lösung als die beste, um eine gewisse Übersichtlichkeit zu wahren.
Beginnen wir also oben in den Bergen und steigen hinab ins Tal bis hin zum Meer.
Berge sind zugleich abweisend und verlockend, majestätisch und gefährlich. Wer sie bezwingen will, dem fordern sie alles ab, und das Leben in ihrem Schatten ist auch heute noch kein einfaches. Kein Wunder, daß die Gebirge reich sind an Geheimnissen, verborgenen Schätzen und Geistern. Sind doch schon die Menschen in den Bergen zum Teil seltsame Käuze, die sich von den Flachländern in vielem unterscheiden.
Der bekannteste Gebirgsbewohner ist wohl
Rübezahl aus dem Erzgebirge. Er wird zu den Riesen gezählt, aber weil
er so ziemlich jede Gestalt annehmen kann, weiß keiner so genau, ob das auch
wirklich stimmt.
Einst begehrte er die Königstochter Emma zur Frau. Weil die Schöne nicht
freiwillig die Seine werden wollte, raubte er sie und hielt sie in seinem Schloß
gefangen. Damit sie sich nicht zu einsam fühlte, gestattete er ihr, aus Rüben
menschliche Gefährten zu zaubern. Die schrumpelten aber über kurz oder lang
alle ein – Rüben trocknen nun mal aus – und so konnte diese Lösung Emma
auf Dauer nicht trösten. Sie sann also auf Flucht. Unter dem Vorwand, sich
einen ganzen Hofstaat anlegen zu wollen und nicht zu wissen, ob genug Rüben
vorhanden wären, schickte sie den verliebten Riesen zum Rübenzählen. Kaum war
er weg, floh sie auf einem schnellen Hengst, den sie aus der letzten Rübe
zauberte, die sie noch hatte. Währenddessen zählte der Berggeist – und
peinlicherweise verzählte er sich auch immer wieder, so daß er die Flucht erst
entdeckte, als es längst zu spät war.
Die Braut war also weg und der Riese bekam obendrein noch einen Spitznamen angehängt.
Danach war er auf die Menschen nicht mehr so gut zu sprechen und zeigte sich
ihnen am liebsten als ein gefürchteter Geselle. Aber sein gutes Herz war ihm
geblieben: Bedürftige, die sich ihm aus echter Not heraus näherten, wurden
niemals ungetröstet heimschickt. Wenn er Tannenzapfen verschenkte, hütete man
die wie einen Schatz. Über Nacht wurde dann nämlich wirklich einer draus, wenn
sich die Zapfen in lauteres Gold verwandelt hatten.
Von vielen Berggeistern wird erzählt. Und nicht alle sind den Menschen wohl
gesonnen. So gab es einen im Lesachtal in Österreich, der galt als jähzornig
und böse. Alle Hirten mieden ihn. Wenn er auf den Berggipfeln saß und sang,
erstarrten sogar die Gemsen vor Schreck. Auch so mancher Erdrutsch war auf
diesen schauerlichen Gesang zurückzuführen. Er war ein zottiger Bursche, gehüllt
in ein schwarzes Fell, weshalb man ihn auch der Schwarze nannte, auf dem
Kopf einen Hut mit einem riesigen Gamsbart. Eines Tages hörte man ihn heulen
und wehklagen und kurz danach gab es einen gewaltigen Erdrutsch und der
Berggeist wurde unter Felsblöcken begraben. Vielleicht ist er aber auch nur
fortgegangen. Jedenfalls war seit diesem Vorfall Ruhe. Die Stelle, an der ihn
die Felsen getroffen haben sollen, heißt noch heute die Schwarze Kluft.
Im Hintersteiner Tal bei Hindelang
hausen die Wildfängl, kleine Kerle, die von oben bis unten behaart sind
– ähnlich zu klein geratenen Yetis. Einmal forderten Holzarbeiter, die gerade
einen Baum spalteten, ein vorbeikommendes Wildfängl auf, seine Hände in den
klaffenden Spalt zu stecken, was das Wildfängl auch arglos tat. Die Holzer ließen
daraufhin los, der Klotz klappte zusammen und klemmte die Hände des kleinen
Kerls jämmerlich ein. Sein Heulen und Schreien hat den Arbeitern anscheinend
großen Spaß gemacht.
Verständlich, daß die Wildfängl von da an auf die Menschen alles andere als
gut zu sprechen waren. Eine Begegnung mit ihnen sollte man also unbedingt
vermeiden. Sie trachten seitdem danach, einem zu schaden, ob durch Erdrutsch
oder Steinschlag und so manch einer hat es schon mit dem Leben bezahlt, einem
Wildfängl über den Weg gelaufen zu sein.
Ein anderer wenig beliebter Berggeist
ist das Dengelmännle. Es geht auf den Almen und in den Bergen um und hört
man es dengeln (‚dengeln’ ist die mundartliche Bezeichnung für das Schärfen
einer Sense mit einem Schleifstein. Der dabei entstehende Klang erinnert an das
Gebimmel einer kleinen Glocke, weshalb mancherorts auch das Glockenläuten
‚dengeln’ heißt), bedeutet das, daß einer der Anwohner demnächst sterben
wird.
Im österreichischen Ahrntal, bei der Pürschalm
in St. Peter lebt dagegen ein Berggeist, der freundlich ist und den lediglich
hin und wieder der Hafer sticht, so daß er einfach Schabernack treiben muß. Er
heißt das Hüterle, weil er ohne Vorwarnung die Herden wegtreibt, und
man die Tiere erst viel später – unversehrt und vollständig - an Stellen
wiederfindet, wohin sie kein verantwortungsbewußter Senn gelassen hätte.
In den bayerischen Alpen haben die Hirten eher Probleme,
wenn es zum Almabtrieb kommt, denn dann treibt der Winterschwoager sein
Unwesen, schnalzt mit der Zunge, daß das Vieh verwirrt ist, oder erscheint den
Sennen in Gestalt ihrer verstorbenen Vorgänger.
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