Leseprobe aus "Im Bann des Nachtwaldes":
Das Gastrecht der
Moyren
„Nadette,
ich hab es geschafft!“ Freudestrahlend betrat Dalan den Wohnraum, in dem seine
Frau mit ihrem Vater saß.
„Was ist es denn?“, wollte sie neugierig wissen.
Dalan stellte seine neueste Erfindung auf den Esstisch. Sie sah aus wie ein großer
Topf mit einer Kurbel oben. Am unteren Drittel des Topfes stand außerdem ein
Rohr schräg nach unten ab.
„Eine Saftpresse!“, erklärte der junge Mann. „Schaut, da oben tut man die
Früchte hinein, schließt den Deckel und dreht dann die Kurbel. Gib mir doch
mal ein paar Äpfel, Nadette.“
Er füllte das Obst, das seine Frau ihm reichte, in den Topf und schloss den
Deckel mit einer Klammer. Dann stellte er einen Becher unter das Rohr und drehte
an der Kurbel. Es dauerte eine Weile, bis aus dem Rohr Flüssigkeit in das
Trinkgefäß rann.
„Probier mal“, forderte Dalan seinen Schwiegervater auf. Der betrachtete das
trübe Getränk skeptisch, ehe er einen Schluck nahm.
„Schmeckt gut“, stellte er ein bisschen erstaunt fest. „Nach Äpfeln.“
„Sag ich doch“, Dalan strahlte übers ganze Gesicht. „Damit geh’ ich auf
den Markt nach Reiling! Wir verdienen ein Vermögen!“
„Aber der Markt ist schon morgen. Das schaffst du nie. Der Weg ist viel zu
weit“, widersprach Nadette.
„Nicht, wenn ich die Abkürzung durch den Nachtwald nehme“, winkte Dalan ab.
Seine Frau und sein Schwiegervater starrten ihn an.
„Das meinst du nicht ernst“, flüsterte Nadette schließlich.
„Aber ja doch.“ Dalan zuckte die Achseln. „Wenn ich durch den Wald gehe,
brauche ich nicht mal einen halben Tag.“
„Du bist ja verrückt“, mischte sich sein Schwiegervater ein, während
Nadette ihren Mann noch immer ungläubig anstarrte.
„Der Markt in Reiling ist der letzte in diesem Jahr. Ich muss dahin, wenn ich
nicht unnötig viel Zeit verlieren will. Diese Erfindung wird uns gutes Geld
bringen“, gab Dalan zu bedenken. „Mein Entschluss steht fest. Ich gehe
morgen früh bei Sonnenaufgang.“
„Oh Gott!“ Nadette stürzte schluchzend aus dem Zimmer. Ihr Vater sah seinen
Schwiegersohn ernst an und schien noch etwas sagen zu wollen. Doch dann stand er
nur kopfschüttelnd auf und ging ohne Abschied nach Hause.
Bei Sonnenaufgang machte sich Dalan auf
den Weg. In einem Wägelchen, gut abgepolstert mit Stroh, zog er seine Erfindung
hinter sich her. Nadette hatte geweint und gedroht, in ihr Elternhaus zurückzukehren.
Aber Dalan blieb bei seinem Entschluss. Wenn er mit den Taschen voller Geld
heimkam, würde sie ihre Meinung schon ändern. Kaum hatte er den Forst
betreten, wurde er schon von Dunkelheit umgeben. Er sah zurück, konnte aber den
Waldrand nicht mehr erkennen, obwohl die Sonne draußen hell schien. Der junge
Mann tat das mit einem Achselzucken ab und wartete, bis sich seine Augen an die
Finsternis gewöhnt hatten. Bald konnte er einzelne Schemen erkennen, und wenn
er seine Augen anstrengte, konnte er einen Weg sehen, der sich durch den Wald
schlängelte. Und der sah durchaus benutzt aus. Pfeifend setzte sich Dalan
wieder in Bewegung. Na also, war doch gar nichts dabei. Nur ein besonders
dunkler Wald eben. Wie dumm von ihm, dass er keine Laterne mitgenommen hatte.
Aber es würde auch so gehen.
Nach einer Weile wurde Dalans Gepfeife
zaghafter und seine Schritte langsamer. Irgendetwas stimmte hier nicht. Schließlich
blieb er stehen und horchte. Kein Laut war zu hören. Kein Zwitschern von Vögeln,
kein Wind, der in den Blättern säuselte. Es herrschte Stille, Totenstille.
Irgendwie doch ein klein wenig unheimlich. Da, ein Knacken! Dummkopf, er war
selbst auf einen trockenen Zweig getreten, nichts weiter. Oder doch? Unter den
toten Blättern, die hier den Boden bedeckten raschelte etwas. Bestimmt nur ein
Eichhörnchen. Aber jetzt vernahm er plötzlich nichts mehr. Gar nichts. Gewiss
nur eine Maus, die gerade in ihr Loch geflitzt war. Deshalb hörte er sie jetzt
nicht mehr. Ja, so musste es sein. Dalan atmete tief durch und setzte seinen Weg
fort. Das einzige Geräusch kam von seinen eigenen Schritten. Trotzdem hatte er
das Gefühl, nicht allein zu sein. Jemand beobachtete ihn. Aber nein, da war
niemand. Er spürte ein Prickeln im Nacken, fühlte sich angestarrt. Der junge
Mann fuhr herum. Für eine Sekunde meinte er, so etwas wie ein Paar brennender
Augen zu sehen. Aber da war nichts. Er hatte sich das ganz sicher nur
eingebildet. All die Schauermärchen über menschenverschlingende Monster im
Nachtwald, die man sich überall erzählte, hatten ihn wohl ganz wirr gemacht.
Mehr war nicht dahinter.
Da war wieder ein Rascheln! Beinahe wie ein Wispern. Ganz nahe, rechts von ihm.
Wieder nur eine Maus. Zweifellos.
„Hast du dich verirrt, Fremdling?“
Dalan sprang vor Schreck einen Schritt
zurück, stolperte über sein Wägelchen und stürzte der Länge nach hin. Als
er sich wieder aufrappelte, sah er aus den Augenwinkeln ein Licht, oder war es
doch ein Glänzen? Dalan kauerte sich hinter sein Gefährt und starrte zu dem
fremdartigen Leuchten hinüber. Es war lebendig. Bewegte sich. Kam näher. Mist.
Hätte er doch nur auf seine Frau gehört. Wie sollte er sich jetzt wehren? Während
Dalan solche Gedanken durch den Kopf schossen, behielt er das herankommende
Wesen im Auge. Es sah aus wie ein junges Mädchen, schlank und zierlich. Seine
helle Haut war so zart, das sie fast durchsichtig
und von innen erleuchtet wirkte. Das lange, weiße Haar schien wie aus
Mondlicht gemacht und die Augen des Mädchens strahlten wie kleine Lichter. Es wäre
ein Schönheit gewesen, hätte es nicht so große, vorstehende Zähne gehabt.
„Bist du vom Weg abgekommen, Fremdling?“, fragte es noch einmal und trat
noch einen Schritt auf ihn zu.
„Äh, nein“, Dalan riss sich zusammen. „Ich kann den Weg ganz gut
erkennen, danke.“
Was für einen Unsinn redete er da? Bestimmt würde sie sich gleich auf ihn stürzen
und ihn zu ihrem Mittagessen machen. War es überhaupt schon Mittag? Himmel, das
war doch jetzt völlig egal. Aber das seltsame Mädchen machte keine Anstalten,
über Dalan herzufallen. Es schien sich stattdessen merklich zu entspannen. Und
dann seufzte es erleichtert: „Wunderbar.“
„Was? Wieso?“ Dalan war so überrascht, dass er seine Furcht für einen
Moment vergaß. Dann wurde er doch wieder misstrauisch. „Heißt das, du frisst
nur die, die sich verlaufen haben?“
„Was?“ Nun schien das Wesen erstaunt zu sein. Es betrachtete Dalan eine
Weile stumm, dann sagte es: „Ich bin Asalé, Tochter des Häuptlings der
Moyren.“
„Sehr erfreut. Ich heiße Dalan.“
„Die Freude ist ganz auf meiner Seite“, sie neigte huldvoll den Kopf.
„Äh, Moyren sagtest du? Wer ist das?“ Dalan konnte nicht anders. Wenn er
schon gefressen werden sollte, dann wollte er wenigstens wissen, von wem.
„Nun“, sie zögerte. Dann fasste sie einen Entschluss: „Komm mit mir.“
Dalan erwog, ob jetzt nicht der rechte Zeitpunkt wäre, um die Beine in die Hand
zu nehmen und zu fliehen. Aber würde er weit kommen? Wohl kaum. Vielleicht
standen die Chancen besser, wenn er diesem Mädchen folgte? So ließ Dalan sein
Wägelchen stehen und ging hinter dem fremden Mädchen her tiefer in den Wald
hinein.
Nach einer Weile wurde es heller. Dalan
erwartete, auf eine Lichtung oder den Waldrand zu treffen. Stattdessen kamen sie
zu einer felsengesäumten Stelle, an der sich weitere Moyren versammelt hatten.
Und alle leuchteten, wie diese Asalé Sie schienen an diesem Ort zu leben. In
der Mitte stand so etwas wie ein Thron und auf dem saß ein achtunggebietender
Moyre. Als er Asalé mit dem Fremden kommen sah, sprang er auf: „Ein verirrter
Wanderer?“
„Nein, Vater“, Asalé lachte. „Er sagt, er kennt seinen Weg.“
„Oh“, staunte der Häuptling. „Und was will er dann hier?“
„Was soll das alles?“, platzte Dalan heraus. „Wer seid ihr? Und warum ist
es so wichtig, ob ich mich verlaufen habe?“
Der Häuptling sah den jungen Mann lange nachdenklich an. Dann sagte er:
„Folge mir.“
Schon wieder. Dalan seufzte. Wozu sollte dieses Rumgerenne gut sein? Mochten sie Fleisch etwa lieber gut durchgeschwitzt? Aber bitte. Gehorsam trottete Dalan hinter dem Moyren her.
...