Leseprobe aus "das geteilte Königreich":

Bodos Roboter

 „Hast du gesehen – Bodo baut wieder etwas!“
„Stimmt, ich sah ihn mit einem Arm voller Schrott heimkommen.“
„Ja, er hortet jede Menge Metall.“
„Ich hab munkeln hören, dass er dafür sogar zu den Menschen geht.“
„Wäre ja kein Wunder, die lassen ja genug davon in der Gegend rumliegen.“
„Aber es ist doch gefährlich. Wenn er erwischt wird, wird er womöglich für einen Leprechaun gehalten und der Mensch verlangt einen Topf Gold von ihm.“
„Als ob man Kobolde mit uns Hutze verwechseln könnte...“
„Für die Menschen sehen wir doch alle gleich aus.“
„Auch wieder wahr.“
„Wozu Bodo wohl das ganze Zeugs braucht?“
„Es ist ja nicht nur das. Er hämmert jeden Tag bis spät in die Nacht an etwas rum und ich könnte schwören, er schmiedet auch.“
„Was, er schmiedet in seiner Hütte?“
„Ja, gestern hat es verdächtig durch die Moosplatten auf seinem Dach gequalmt und meine Frau hat gemeint, sie hätte sogar Flammen gesehen!“
„Ziemlich verantwortungslos.“
„Bestimmt wieder eine von Bodos Erfindungen.“
„Bestimmt. Leider.“
„So kannst du das nicht sagen. Bodos Erfindungen funktionieren alle.“

Ja, Bodos Erfindungen funktionierten alle – irgendwie. Seine Obstpresse zum Beispiel quetschte auch noch das letzte bisschen Saft aus einer Beere. Nur leider lief sie bei soviel Kraftaufwand schnell heiß. Durch so etwas nicht im mindesten entmutigt konstruierte Bodo also eine Wasserkühlung. Die arbeitete bestens. Nur leider begannen die Zahnräder der Obstpresse dadurch in Windeseile zu rosten und mussten praktisch ständig ausgetauscht werden. Nur gut, dass Bodo auch eine Zahnrad-Säge erfunden hatte, eine Maschine, mit der man die größten und die kleinsten Zahnräder herstellen konnte, ohne sie mühselig von Hand zu feilen. Dumm war nur, dass sich die Skala je nach Außentemperatur verstellte. So konnte es vorkommen, dass die Zahnräder, in der richtigen Größe begonnen, mit der Zeit immer kleinere Zähne bekamen und dann nicht mehr zu gebrauchen waren.

Deshalb pressten die Frauen im Hutzedorf den Saft immer noch mit der Hand und die Männer hackten das Holz selber mit der Axt – obwohl Bodo eine Holzhackmaschine erfunden hatte. Nichtsdestoweniger bewunderten alle den Erfinder und wenn er durchs Dorf ging, grüßte ihn jeder freundlich.

Bodo ließ auch nie in seinem Eifer nach, seinen Mithutzen zu helfen. Und Hilfe war auch nötig, denn mit durchschnittlich 10 – 12 cm Körpergröße hatte es dieses Völkchen von Kobolden nicht gerade leicht. Eine Melone konnte nur transportiert werden, wenn sie vor Ort zerlegt wurde und ein Apfel war immerhin auch noch eine echte Herausforderung. Deshalb hatte Bodo auch einen stabilen Wagen mit einem Kran gebaut. Damit war der Transport von Äpfel oder Birnen fast ein Kinderspiel. Vorausgesetzt, zehn Hutze quetschten sich vorne irgendwie in den Wagen, um ihm genügend Gegengewicht zu geben.

Eines sonnigen Tages stieß Bodo seine Haustür auf und schob etwas ins Freie. Es sah ein bisschen wie ein Hutze aus, nur irgendwie eckiger und es glänzte silbern. Neugierig versammelte sich bald das ganze Dorf um dieses Ding. Weil man aber schon einige Erfahrung mit Bodos Erfindungen hatte, hielt man ein wenig Abstand. Da trat Bodo vor sein silbernes Ding und breitete mit einem breiten Grinsen die Arme aus: „Leute,“ rief er. „Freunde, Nachbarn – ich präsentiere euch meinen RoffA 01!“
„Und was soll das sein, ein Roffa?“, wollte Polly, Bodos Nachbarin wissen.
„RoffA ist eine Abkürzung. Sie steht für ‚Roboter für fast Alles‘. Und 01, weil es mein erster ist. Er ist genial! Ihr werdet überhaupt nicht mehr selbst arbeiten müssen.“

Die Hutze betrachteten den Roboter skeptisch. Zumindest glitzerte der Roboter ja recht hübsch. Wenn er auch vielleicht keine so gute Hilfe war, wie Bodo meinte, so war er doch zumindest ein netter Anblick.
„Kochen wird er ja wohl nicht können“, zweifelte schließlich Hens, ein ziemlich dicker Hutze.
„Aber natürlich kann er das“, widersprach Bodo. „Wenn ihr wollt, wird mein RoffA für euch alle kochen und ihr könnt zusehen.“
Dieses Angebot löste eine eifrige Diskussion unter den versammelten Hutze aus. Die einen meinten, das könne man sich doch nicht entgehen lassen. Die anderen fanden, es wäre schade um die schönen Lebensmittel, die man danach bestimmt alle wegwerfen müsste. Schließlich aber siegte die Neugier: Der Roboter sollte kochen.

Man schleppte also den größten Kessel heran, der zu finden war und entfachte ein Feuer. Alles, was an Gemüse, Pilzen usw. aufzutreiben war, wurde vor dem Roboter aufgestapelt. Quellwasser wurde geholt und allerlei Kräuter. Dann trat Bodo hinter den RoffA 01, steckte eine Lochkarte in einen Schlitz in dessen Nacken und drückte ein paar Knöpfe. Im Inneren der Maschine begann es zu surren und die meisten Hutze warfen sich hinter die nächstbeste Deckung. Aber der Roboter explodierte nicht. Vielmehr begann er, sich ruckartig zu den Lebensmitteln zu begeben und sie unter die Lupe zu nehmen, wortwörtlich, denn aus seinem einen Handgelenk fuhr eine Lupe, durch die er jede Knolle und jedes Blatt begutachtete. Mit der anderen Hand sortierte er alles. Dann verschwand die Lupe, ein Messer erschien an seiner Stelle und alles wurde geschält, kleingeschnitten und so weiter – kurz, bald blubberte ein köstlich duftender Eintopf im Kessel.

Zuerst traten die Hutze nur vorsichtig heran, um zu kosten. Aber der Eintopf schmeckte so gut, dass sich bald alle regelrecht darauf stürzten. Bodo stand stolz daneben. Während der Roboter herumstand und darauf wartete, dass jemand einen Nachschlag wollte, bestürmten die Hutze Bodo mit Fragen:
„Kann er auch waschen?“
„Woher weiß er, was er machen soll?“
„Rostet er, wenn’s regnet?“
„Kann er auch reden?“
„Wo zieht man ihn auf?“
„Warum hast du keine Frau gemacht?“
Solche und ähnliche Frage prasselten auf den Erfinder nieder. Bodo erklärte geduldig, der Roboter könne alles, man müsse ihn nur mit der richtigen Lochkarte füttern. Er bekäme seine Energie von einem kleinen, magischen Bernstein, der in seine Stirn eingebettet sei und sich durch die Sonne auflade – alle guckten: Ja, da saß wirklich ein eiförmiger Bernstein mitten in der Stirn des Roboters – und er würde nicht rosten, solange man ihn gut ölte. Der RoffA 01 stehe allen zur Verfügung, die Arbeiten zu verrichten hätten, die ihnen selbst zu schwer wären.

Die nächsten Tage waren ziemlich stressig, zumindest für RoffA 01. Er pflückte Beeren, mähte eine Wiese, mahlte Korn, buk Brot und nahm an Polly Maß für ein neues Kleid. Hin und wieder stand er in der Sonne, um seinen Bernstein aufzuladen, ansonsten war er immer beschäftigt. Und er machte alles ausgezeichnet. Die Hutze gewöhnten sich schnell an ihn und überließen ihm bald alle Arbeit. Er schuftete schließlich rund um die Uhr. Bodo konstruierte eine Lampe, mit der er den Bernstein aufladen konnte, wenn keine Sonne schien. So war auch die Dunkelheit kein Hindernis mehr. Das Leben wurde schön und sorgenlos im Dorf der Hutze.

 

Dem kleinen Hutzemädchen Aina tat der Roboter leid. Traurig betrachtete sie ihn, wie er die Wäsche des ganzen Dorfes wusch und, kaum war er fertig, gleich weiterstürzte, um das Dach von Hens auszubessern, das Mittagessen für alle zu kochen oder in den Gärten Unkraut zu jäten. Manchmal stellte Aina sich neben ihn und redete sanft auf ihn ein. Sie war sicher, dass er sie hörte. Er konnte bloß nicht antworten, weil er zuviel zu tun hatte und weil Bodo die Lochkarte mit der Sprache nicht in seinen Nacken gesteckt hatte. Aber das war nicht so schlimm. Aina wußte auch so, dass dem armen Roboter ihre Anteilnahme gut tat. Bestimmt hatte er es gerne, dass man ihn manchmal lobte, wo er doch so tüchtig war. Und bestimmt würde er jetzt auch lieber in der Sonne sitzen, wie alle anderen. Bestimmt würde er gerne mal ein bisschen ausruhen.
Bald kam Aina zu dem Schluss, dass reden allein ihrem Freund, dem Roboter nicht helfen würde. Sie musste einen Weg finden, ihn aus dieser Unterdrückung zu befreien. Zuerst versuchte sie es mit Appellen an ihre Eltern, doch ein bisschen Arbeit selber zu machen. Aber die sahen sie nur verständnislos an und lachten sie dann aus. Bei den anderen Kindern im Hutzedorf hatte Aina auch nicht viel Erfolg, sie beschwerten sich höchstens darüber, dass sie ihre Schulaufgaben selber machen müssten und dass RoffA ihnen das Zähneputzen nicht abnehmen könnte. Mehr interessierte sie daran nicht.

Lediglich Rudo, ein Junge in Ainas Alter, meinte, er hätte sich auch schon überlegt, dass das recht ungerecht wäre, wie alle Arbeit an RoffA hängen blieb. Bald hingen Rudo und Aina jede freie Minute zusammen und schmiedeten Pläne, wie sie RoffA helfen könnten.
„Wir könnten ihn entführen“, schlug Rudo vor.
„Wie willst du das denn machen? Wenn er keine Lochkarte für Wegfahren im Nacken hat, tut er’s einfach auch nicht und wir zwei können ihn auch nicht mit Gewalt wegziehen, er ist zu stark“, widersprach Aina.
„Man sollte meinen, wenn’s zu seinem Nutzen ist, würde er schon ein bisschen mitmachen.“
„Er kann doch nicht anders, mit den doofen Lochkarten.“
„Und du meinst, er hat auch eine Lochkarte zum Sprechen?“
„Bestimmt. Bodo gibt sie ihm bloß nicht, damit er sich nicht beschweren kann.“
„Ganz schön gemein.“

Aina und Rudo schwiegen eine Zeit lang. Plötzlich rief Aina: „Ich hab’s! Wir müssen uns die richtige Lochkarte besorgen!“
„Bodo wird sie dir kaum geben.“ Rudo schüttelte den Kopf.
„Nein, das wohl kaum.“
„Na also.“
„Wir müssen sie stehlen.“
„Stehlen? Bist du verrückt? Das ist verboten.“
„Eben wolltest du noch Roffa entführen. Ist das vielleicht nicht verboten?“
„Es ist bei Hutze verboten. Bei Robotern bin ich mir nicht so sicher.“
„Unsinn. Bei Robotern ist das genau das Gleiche. Wenn du einen Roboter entführst, ist das so ähnlich wie Diebstahl.“
„Aber er gehört doch niemandem.“

Aina stapfte mit dem Fuß auf. Sie verlor allmählich die Geduld. Welche Zeitvergeudung, hier mit Rudo zu diskutieren, wo sie doch den perfekten Plan hatte. Rudo erschrak ein bisschen über seine zornige Freundin und beschloss ganz schnell, dass sie recht hatte. Und so tüftelten die beiden einen Plan aus, wie sie an die Lochkarten kommen konnten.

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