Leseprobe aus "Drachenstarker Feenzauber":
„Bei Hormus
Goldzahn gibt es doch gar nichts zu stehlen, was sollen also all die Pläne, die
du da entwirfst? Kein einziger Waldtroll hat jemals irgendwelche Schätze
gesammelt.“
„Bei Hormus Goldzahn gibt es sehr wohl was zu stehlen!“
„Ach ja, und was soll das sein?“
„Sein Goldzahn.“
„Moment mal, Birrbo, du willst also Hormus seinen Goldzahn – etwa aus seinem
Mund?“
„Woher denn sonst, da trägt er ihn doch!“
„Aber dir ist schon bewusst, dass er ein berghoher Troll ist und wir zwei
kleine Gnome?“
„Nun hab dich mal nicht so, Ondu, gerade weil wir so klein sind, wird es
klappen.“
Dieses Gespräch
hatten die zwei Gnome vor zwei Tagen geführt. Und natürlich hatte Birrbo sich
durchgesetzt. Birrbo setzte sich immer durch. Außer beim Kanaster. Da hatte er
haushoch gegen ein paar Zwerge verloren und nun galt es, seine Spielschulden
rechtzeitig zu bezahlen. Aber natürlich hatten weder er noch sein Bruder Ondu
auch nur einen roten Heller. Es galt also, schleunigst etwas Wertvolles zu
beschaffen, bevor die Zwerge sauer wurden. Und so waren sie hierher gekommen.
Hierher, das war die Höhle mitten im Wald, in der Hormus Goldzahn lebte, ein
riesengroßer Waldtroll, so stark, dass er eine 200-Jahre-alte Eiche mit den
Wurzeln ausreißen konnte. Aus der Höhle drang ein gewaltiges Schnarchen, Musik
in Birrbos Ohren.
„Er schläft! Wir kommen genau zur rechten Zeit!“
„Aber Birrbo, ich finde immer noch, dass das eine schlechte Idee ist.“
„Unsinn, wir schleichen rein und schnappen uns das Ding einfach!“
„Äh, Birrbo. Bestimmt ist doch auch so ein Trollzahn festgewachsen.“
„Na, und? Dann ziehen wir eben etwas fester.“
„Aber das tut doch weh, wenn man einen Zahn ausgerissen bekommt. Bestimmt
wacht der Troll da auf!“
Birrbo blieb stehen und drehte sich langsam zu Ondu um: „Willst du etwa
kneifen?“
Ondu zögerte. Doch dann seufzte er bloß: „Nein.“
Siegessicher marschierte Birrbo geradewegs in die Höhle. Ondu trottete mit hängenden Schultern hinterher. Ihm war gar nicht wohl bei der Sache. Dabei störte es ihn wenig, dass ihn die ganze Sache ja eigentlich gar nichts anging. Birrbo war sein Bruder und er saß – mal wieder – in der Klemme. Also würde Ondu ihm helfen, da raus zu kommen. So einfach war das. Aber ausgerechnet bei einem Troll... Weiter kam Ondu mit seinen Überlegungen nicht, denn vor ihm lag ein Hügel, der schnarchte und sich rhythmisch dazu auf und ab bewegte: Hormus Goldzahn beim Schlafen.
„Ich
klettere rauf. Alles, was du zu tun hast, ist, den Zahn aufzufangen,“
bestimmte Birrbo und begann auch gleich, am Gürtel des Trolls empor zu
klettern.
Ondu hatte weiche Knie und fühlte sich ganz elend. Aber er verfolgte jede
Bewegung seines Bruders. Birrbo marschierte derweil über die Brust des Trolls,
als wäre es nichts weiter als ein Spaziergang im Wald. Er zog sich am Bart des
Trolls hoch und kauerte sich vor den weit offenen Mund um nach dem Goldzahn zu
suchen. Jedes Mal, wenn Hormus ausatmete, schien er den Gnom fast umzublasen.
Aber Birrbo hielt sich wacker und entdeckte schließlich auch den Zahn – einen
goldglänzenden Eckzahn. Mit einem breiten Grinsen griff er danach und zog. Und
zog.
„Er geht nicht raus,“ ächzte er.
„Er ist ja auch festgewachsen,“ gab Ondu zu bedenken.
Birrbo warf ihm einen vernichtenden Blick zu.
„Ich mein ja nur,“ Ondu blickte schuldbewusst auf seine Schuhspitzen.
„Steh da nicht rum, gib mir das Brecheisen!“
„Bist du verrückt? Du willst im Mund eines Trolls mit einem Brecheisen
rumhantieren?“
Vor Schreck hatte Ondu die Worte fast gebrüllt.
...